Zur Person

Die Filmemacherin Uschi Madeisky

Uschi Madeisky
Uschi Madeisky

Ursula MADEISKY
Genannt: USCHI / USCHA / MOENNA

Wie es wohl kommt, dass eine Frau so viele Namen hat? Dann kennen sie wohl viele unterschiedliche  Menschen, und sie kennt sie, und wer sie kennt, weiß, dass sie in vielen Angelegenheiten viel unterwegs ist und viele Anliegen hat. Ihre verschiedenen Namen bedeuten alle das gleiche.

„Ursula“ heißt: „Kleine Bärin“. „Arktoi“ (kleine Bärinnen) wurden die jungen Mädchen genannt, die im Heiligtum der griechischen Göttin Artemis erzogen wurden. Und nun haben wir Uscha in der Traumzeit geortet, dort, wo sie spirituell herkommt. Die Göttin Artemis könnte ihre Ahnin sein, deren Begleiterin die Bärin ist, die Göttin der Jagd, des Waldes, die Geburtshelferin (die Löserin) und die Hüterin der Frauen und Kinder. Eine Hüterin der Frauen und Kinder ist auch Uscha. Und ganz sicher hat sie einen Köcher voller Pfeile, die sie gezielt abschießt und die ins Schwarze treffen. Aber sie verletzen nie. Sie bringt mit ihrer Klugheit und Beweglichkeit die Dinge auf den Punkt. Und in der Jetztzeit finden wir sie immer im Zentrum dessen, wo etwas Wichtiges geschieht, dort, wo sie gebraucht wird:

Schon als Schülerin setzte sie sich für die Rechte der Frauen ein und engagierte sich in der Frauenbewegung. Es wird erzählt, dass die Lehrerin  ihres Gymnasium sie und ihre Freundinnen vom Schildkrötenklan, wie die Mädchen sich als verschworene Gemeinschaft nannten, einschloss, damit sie nicht heimlich ausbüchsten um an Demonstrationen teilzunehmen. Kaum war die Lehrerin fort, flüchteten die Mädchen durchs Fenster und pfeilschnell waren sie auf der Demo. Später, als sie schon studierte, organisierte sie Fahrten nach Holland gegen Abtreibungsverbot mit und beteiligte sich an Straßen-Umbenennungs-Aktionen gegen das bewusste Vergessen von bedeutenden Frauen. Sie begann, Filme zu drehen. Einer ihrer ersten, an dem sie maßgeblich beteiligt war, ist eine Dokumentation zur frühen Frauenbewegung: ‚Die Wahrheit über Vera Eschkowa’. Für die Mädchenseite der Zeitschrift ‚Emma’ zeichnete sie Comic Strips: kleine, subversive Geschichten, die jungen Mädchen Mut zum Widerstand machen sollten.

Es folgten Jahre als Filmemacherin im Mainstream, den sie immer mit ihrem speziellen Blick auf die Themen Kinder, Jugend und Erziehung nicht in seinem drögen Fahrwasser ungestört ließ. Immer gab sie Anregungen für ein anderes und weitgefassteres Denken. Später kamen Spielfilme und Dokumentarfilme über ganzheitliche Ansätze in der Medizin und zu kulturellen Themen hinzu. Einige  Filme gewannen Prädikate und Preise. Sie arbeitete weiter politisch in und für Frauengruppen, gehörte u. a. zu den Gründungsmitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Frauen in Kunst und Kultur, der Stiftung maecenia für Frauen in Wissenschaft und Kunst und dem Film- und Kinobüro Hessen. Zielsicher schickte sie ihre Pfeile ab: Verblüffend war immer zu beobachten, wie sie in Gesprächsrunden mit Politikern, selbst wenn es laut und turbulent wurde, sich mit leiser Stimme Gehör verschaffen konnte. Alle hörten ihr zu, wenn sie etwas sagte – es war so unschlagbar treffend.

Der entscheidende Impuls zu einer neu-Orientierung kam Anfang der Neunziger Jahre auf einer Reise nach Çatal Hüyük, die Christa Mulack leitete: Uscha entdeckte dort das Matriarchat für sich. Diese Gesellschaftsform der Balance faszinierte sie. Dafür, sagte sie sich, habe ich Filmemachen gelernt, das und davon will ich erzählen! Sie reiste in die noch existierenden Matriarchate, z. B. nach Nordost-Indien, und ihre in den Folgejahren entstandenen Filme wurden mehrfach im Fernsehen gezeigt. Sie sind nicht alt geworden, gelten weiterhin als grundlegend und werden auch von Uscha bei speziellen Gelegenheiten vorgeführt. In den nachfolgenden Diskussionen vermittelt sie darüberhinaus noch Wissen über die matriarchale Gesellschaftsordnung und räumt mit falschen Vorstellungen auf.

2002 erhielt sie den Tony-Sender-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Die Laudatio hielt Christa Mulack. Diejenigen, die bei der Feier in der ehrwürdigen Paulskirche dabei waren, erinnern sich noch, wie Uscha vergnügt oben auf dem Podium stand und eine Rede hielt, bei der sich das Publikum vor Lachen bog. Sie bezeichnete Frankfurt als Frau und kehrte klassische Männer-Lobes-Sprüche um – einige Pfeile flogen präzise dahin, wo sie hingehörten. Die Rede war ein großer Performance-Erfolg. Den Scheck mit der Preissumme steckte sie nachlässig in die hintere Tasche ihrer Jeans, wo sie ihn Stunden später total zerknittert wieder hervorzog. Die Bank muss ihn trotz seines ramponierten Aussehens eingelöst haben. Uscha wollte das Geld für ihr Studium an der ALMA MATER Akademie verwenden – was sie auch tat. Mit einigem Erfolg, denn heute unterrichtet sie dort selbst.

Seit den Anfängen der Modernen Matriarchatsforschung hat sich viel getan. Zunächst missverstanden, abqualifiziert und ausgegrenzt, hat sich Dank der Beharrlichkeit und Unbeirrbarkeit der großen Protagonistinnen (denen an anderer Stelle bei besonderer Gelegenheit die Ehre gegeben werden wird) mittlerweile eine Bewegung gebildet. Die Kongresse in Luxemburg, in Texas, in Karlsruhe und zuletzt im Mai 2010 auf dem Hambacher Schloss, haben Hunderte von Frauen und etwas weniger Männer angezogen. Auf ihnen vermittelte sich ein Gefühl  der Zusammengehörigkeit  und die Frauen gingen von dort mit neuem Mut nach Hause um weiter an der großen Aufgabe zu arbeiten, die nichts weniger zum Ziel hat, als die Gesellschaft zu verändern um ein besseres Leben im Einklang mit der Natur und in Balance der Geschlechter zu ermöglichen. Uscha hat an der Entwicklung dieser Bewegung erheblichen Anteil.

Zu ihrem Geburtstag in den letzten Tagen des 10. Jahres im Jahrtausend der Frau, schickten viele Frauen Grußbotschaften, Briefe, Fotos und – als etwas ganz besonderes – Filmclips, in denen sie sie feierten. Uscha hat diese Geschenke mit großer Rührung und Dankbarkeit angenommen. Was in den Beiträgen deutlich wurde, ist, wie sehr sie anerkannt ist als große Netzwerkerin, als eine, die die Dinge vorwärts- und zusammenbringt, als eine, die ausgleicht und vor allem: was für eine wichtige Freundin sie ist. Die Zuneigung, die ihr entgegengebracht wird, erwidert sie mit Gefühl, Sinn und Verstand.

Uscha, mit Deinem Geburtstag ist das erste Jahrzehnt im Jahrtausend der Frau zu Ende gegangen und das nächste hat angefangen. Wir wünschen Dir weiterhin so viel Mut und Kraft und Klugheit, wie Du bisher bewiesen hast und sind gespannt auf Deine neuen Ideen und Pläne. Wir wissen: in Deinem Köcher sind noch ganz viele Pfeile!

von Jutta Maurer Kaußen

Publikationen

Die Ordnung der Mutter - Wege aus dem Patriarchat

Dokumentation des Internationalen MutterGipfels 2008

Die Ordnung der Mutter

Was bedeutet die Tatsache, dass alles Leben von einer Mutter geboren wird? Wie gehen matriarchale Gesellschaften damit um? Was würde eine Gesellschaft auszeichnen, in deren Wertesystem Mütterlichkeit – d.h. Fürsorglichkeit für alles Lebendige – an erster Stelle steht? VertreterInnen heutiger matriarchaler Gesellschaften und namhafte Referentinnen aus aller Welt berichten von ihren Erkenntnissen und Erfahrungen. Zahlreiche Fotos vermitteln Eindrücke von der lebendigen Atmosphäre des Kongresses, auf dem sich rund 500 Frauen in Karlsruhe trafen, um ihren Visionen von einer besseren Gesellschaft auch mit Tänzen, Meditationen, Ausstellungen und Infoständen nachzuspüren und in vielen Gesprächen zu konkretisieren.

Mit Beiträgen von:

Kirsten Armbruster
Veronika Bennholdt-Thomsen
Isabelle My Hanh Derungs
Gudrun Frank-Wissmann
Heide Göttner-Abendroth
Malika Grasshoff/Makilam
Cécile Keller
Annette Kuhn
Siegrun Laurent
Tricia Laurent
Uschi Madeisky
Dagmar Margotsdotter
Marina Meneses
Luisa Muraro
Christa Mulack
Andrea O’Reilly
Li Shalima
Mariam Irene Tazi-Preve
Genevieve Vaughan
Wengji Wang

(hg. von Uschi Madeisky)
2010, 288 Seiten

Filmhaus Frankfurt: Der Traum von einem friedlichen Mutterland

Der Traum von einem friedlichen Mutterland
Uschi Madeiskys filmisches Lebensthema sind zeitgenössische Matriarchate
Von Birgit Schweitzer

Wie in einigen Biografien von Frauen zu finden, die sich im männerdominierten Filmbusiness einen Namen machen konnten, kam Uschi Madeisky in den 1970er Jahren zunächst über einen Mann zum Film. Mit ihrem Lebensgefährten Klaus Werner, Absolvent der Hochschule für Gestaltung Ulm, entstanden bereits während ihres Studiums der Soziologie und Pädagogik erste Werke. 1974 gründeten sie dann die Filmproduktion Colorama mit Sitz in Frankfurt und realisierten in rund 30 Jahren Reportagen und Dokumentationen für die öffentlich-rechtlichen Sender und Bildungseinrichtungen.

Die Themen waren vielfältig, aber immer gesellschaftlich visionär. Beispiel: die Fragen nach öffentlicher und familiärer Erziehung. „Ein veränderter Umgang mit Kindern bewirkt eine Veränderung der Gesellschaft“, sagt sie. Was heute selbstverständlich ist, stellten sie 1978-1984 in Beiträgen für die ZDF-Reihe „Kinder, Kinder“ vor, wie etwa das Rooming-in der Mütter bei Krankenhausaufenthalten ihrer Kinder. Ein weiteres, gesellschaftlich sehr kontrovers beobachtetes Sujet waren ganzheitliche Heilmethoden von Ärzten, die sie in etlichen Folgen der ZDF-Reportagereihe „Natur & Medizin“ Ende der 90Jahre diskutierten.

Auch zwei Spielfilme entstanden in der Colorama-Zeit. Der Fernseh- und Kinofilm „Kleiner Mann, was tun?“ (ZDF, 1981) handelt von einem türkischen Jungen, dessen Familie die Abschiebung droht. Der Film gewann prompt Gold beim Internationalen Kinderfilmfestival in Giffoni Valle Piana. Der zweite Spielfilm war eine Literaturverfilmung: „Der ewige Spießer“ (1985) von Ödön von Horváth für das ZDF.

Auf ihr Lebensthema, das zeitgenössische Matriachat, aber traf sie Anfang der 90er Jahre, als sie eine Frauenexpedition zu Ausgrabungen in der Türkei filmisch begleitete. Die archäologischen Fundstücke in Chatal Hüyük bewiesen, dass dort zur Steinzeit das mütterlich Weibliche die Gesellschaft bestimmte - ein Schlüsselerlebnis für ihr weiteres Filmschaffen.

Ein Jahr lang recherchierte sie an Universitäten zu matriachalischen Zivilisationen, in denen der Besitz von Land und Haus sich in Frauenhand befindet und in der Mutterlinie weitergegeben wird. Die Menschen in solchen Gesellschaften leben in ihrem Familienclan mit von der Großmutter/Mutter abstammenden Blutsverwandten. Was Madeisky dabei anzog, war ein diesen Lebensformen innewohndes sorgendes und friedliches Prinzip, verbunden mit einer großen Spiritualität. „Es wird darauf geachtet, dass es allen gut geht, dass alle Bedürfnisse befriedigt sind. Dazu sind diese Völker sehr friedliebend. Sie würden nie angreifen oder etwas erobern wollen.“

Die ersten Filme zu diesem Thema drehte sie noch zusammen mit Klaus Werner. So „Die Töchter der sieben Hütten“ 1997 für ZDF/Arte über das Matriarchat der Khasi in Indien oder 1999 “Wo dem Gatten nur die Nacht gehört“ über das Prinzip der Besuchsehe bei den Jaintia (Indien). 2002 folgte „Trommeln der Liebe - Bräutigamraub bei den Garo in Indien“ (NDR). Und sie machte allein weiter, als die Partner- und damit auch die Arbeitsbeziehung mit Klaus Werner zu Ende gegangen war.

Erneut besuchte sie die Khasi – diesmal mit Filmemacherin Daniela Parr („Die Tochter - eine Clansaga aus dem Matriarchat der Khasi“, 2011). „Aber ich bin keine Alleinkämpferin, das passt auch nicht zum Thema Matriarchat“, sagt sie. So hat sie sich 2010 unter dem Label tomult&töchter mit den Coregisseurinnen Daniela Parr, Absolventin der Filmhochschule Ludwigsburg, und Dagmar Margotsdotter zusammengetan. Eine Arbeitsteilung gibt es nicht. Doch Madeisky bekennt, sich vorrangig um das Konzeptionelle und die Postproduktion zu kümmern. Zumal ihre Filme meist aus unermesslich viel Rohmaterial entstehen, das mit der Frankfurter Cutterin Eva Voosen fertigstellt.

Monatelang wohnt Madeisky für Dreharbeiten in einer Großfamilie. Verfolgt mit der Kamera das alltägliche Leben. Die Ästhetik ihrer Dokumentarfilme erinnert an Naturbeobachtungen. Sie verweilt als Filmemacherin im Hintergrund, versucht nicht zu stören. Deshalb hält sie das Team klein und filmt selbst. „Als die leichten Kameras aufkamen, war das mein Glück.“ Diese lässt sie manches Mal einfach dezent auf dem Schoß mitlaufen. Der O-Ton ist ihr nicht so wichtig, da die muttersprachlichen Dialoge untertitelt werden und eine Off-Erzählstimme – meist ihre eigene – die Bilder erklärt.

"Interviews oder Statements der Protagonistinnen direkt in die Kamera würde auch nicht zum Wesen dieser Menschen passen. Sie stellen sich nicht in den Vordergrund, sie haben nicht das Bedürfnis zu kommentieren oder zu belehren“, so Madeisky. Wenn möglich, möchte sie aber mit ihren Produktionen Anstöße geben. „Ich kümmere mich nicht mehr um das Negative, die Kritik, sondern ich zeige mit meinen Filmen positive, echte gelebte Alternativen auf.“

Daneben tragen ihre Arbeiten auch zur Bewahrung von Traditionen bei, denn manche Völker, wie die Mosuo am Lugu-See in Südchina, überliefern Bräuche und Gesänge nur mündlich. Ihr dort gedrehter abendfüllender Dokumentarfilm „Wo die freien Frauen wohnen“ (2014), der mit Mitteln der Hessischen Filmförderung und der Frankfurter Stiftung maecenia entstand, wird gerade entdeckt. „Der Film läuft wie verrückt in Programmkinos in der Provinz“, erzählt die Mitgründerin des Filmbüros Hessen, deren Vorstand sie auch viele Jahre angehörte. Aktuell ist ein neuer Film in Arbeit: „Mein Mutterland“, gedreht im muslimischen Indonesien, wo ausgerechnet das größte Volk mit matrilinearer Sozialstruktur lebt: vier Millionen Minangkabau.

Eine matriarchale Sicht auf die Welt durchzieht gleichermaßen Uschi Madeiskys Leben. An einem Archiv, einer Zeitschrift und einer Vernetzung der matriarchalen Kulturen arbeitet sie mit dem von ihr gegründeten Verein Matriaval. Im Kleinen hat sie sich ihre persönliche Matriarchatsoase in Frankfurt erschaffen. Ihr „Clanhaus“ steht im beschaulichen Berkersheim. Ihre Mutter hat bis zu ihrem Tod dort gewohnt, ihre Schwester und ihre Nichte mit deren 14-jährigen Tochter wohnen in eigenen Wohnungen im Haus. Männer kommen in Madeiskys Leben - wie auch in den Matriarchaten üblich, die sie weltweit besuchte, die übrigens die Ehe nicht kennen, - nicht über einen Besuchsstatus hinaus.

Die Filmförderung meint es meist gut mit ihr. Sie verkauft darüber hinaus erfolgreich die DVD’s ihrer Filme und wird oft zu Filmgesprächen und zu Vorträgen eingeladen. Ihr Thema scheint einen Nerv der Zeit zu treffen. 2002 erhielt sie den Tony-Sender-Preis der Stadt Frankfurt für ihr frauenpolitisches Engagement und wurde 2016 mit dem Elisabeth-Selbert-Preis des Landes Hessen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Die 66-jährige, die zeitlos jugendlich wirkt, denkt noch nicht daran, in den Ruhestand zu gehen. „Es existieren weltweit an die 200 lebende Matriarchate, acht habe ich erst besucht. Es gibt noch viel zu tun!“

Quelle: http://www.filmhaus-frankfurt.de/Publikationen/GRIP-57/Der-Traum-von-einem-friedlichen-Mutterland

Frankfurter Rundschau: Mütterliches Prinzip ist besser

Uschi Madeisky hat einen schönen Ausblick auf Bäume und Gärten in ihrem Arbeitszimmer in Frankfurt-Berkersheim, das hell und modern eingerichtet ist. An der Tür hängt ein Bild mit Schriften von Elisabeth Selbert, ein Geschenk von Freundinnen zur Preisverleihung. Die 64-Jährige ist schlank und hat kurze blonde Haare, in ihrer Wohnung trinkt sie Filterkaffee oder sie geht hinunter in die Küche ihrer Schwester, die im selben Haus lebt. Die Filmemacherin ist viel unterwegs, hat Matriarchate in vielen Ländern und Kulturen besucht. Wo Frauen die Verantwortung trügen, sagt sie, lebten die Menschen besser als in patriarchalen Strukturen, an denen die Emanzipation nicht viel ändern könne.

Frau Madeisky, Sie sehen im Matriarchat eine Perspektive zum Überleben der Menschheit. Sind Frauen doch die besseren Menschen?
Nein, das mütterliche Prinzip ist überlegen. Für alle, die nichts über Matriarchate wissen, muss ich das erklären. In solchen Gesellschaften ehren alle Menschen die Mutter. Sie ist die Frau, die Leben schenken kann und damit einen sehr hohen Status hat. Auch der Mann fühlt sich seiner Mutter verpflichtet. Darauf sind Sozialstruktur, Wirtschaft und Spiritualität ausgerichtet. Die Frauen verwalten und verteilen den Besitz und alle gehen davon aus, dass sie dies so gerecht wie möglich machen. Es geht also nicht um Mann oder Frau, sondern um das mütterliche Prinzip, das besser als das männliche ist, so wie wir es kennen.

Ihr jüngster Film „Wo die freien Frauen wohnen“ beschäftigt sich mit einem Matriarchat in China, den Mosuo. Haben Sie dort ein Paradies für Frauen vorgefunden?
Paradies ist nicht der richtige Ausdruck, aber die Frauen sind dort so frei, wie nirgendwo sonst auf der Welt, auch freier als in unserer Gesellschaft, wo sie sich männlichen Werten unterordnen. Die Frauen leben in Harmonie, sind wohlwollend zueinander, es gibt keine starke Aggression und Egozentrik. Insofern ist dies von allen Gesellschaftsformen, die ich kennengelernt habe, für Frauen und auch für Männer der schönste Ort.

Wie lange waren Sie dort?
Zu allen Jahreszeiten, und jeweils für mehrere Wochen. Unser Team hat immer in derselben Großfamilie gelebt, wir sind schon fast adoptiert.

Wie organisieren sich die Menschen dort?
Ein Clan lebt auf dem Hof, mit Mutter und Großmutter als Oberhaupt. Nach ihrem Tod geht die Großmutter in die Reihe der Ahnen ein, die verehrt werden und die Schutz gewähren. Die Babys werden von allen gehalten und sind damit umfassend umsorgt. Als Kinder kümmern sie sich auch von klein auf um andere. Sie lernen das von den Alten, es gibt kein Trotzalter und keine Pubertätskrisen. Sie können sich frei entfalten, es wird kein Wissen in sie hineingestopft. In dieser Fülle wachsen anders konditionierte Menschen heran. Sie sind nicht neidisch, handeln aus Liebe. Weil sie satt sind, müssen sie andere nicht beurteilen oder belehren. Privatbesitz hat keine Bedeutung und kein Prestige, er wird auch oft weitergegeben.

Und die Männer?
Die Söhne bleiben bei der Mutter und übernehmen die harten Aufgaben, beispielsweise Handel, anstrengende körperliche Arbeiten, auch das Schlachten von Tieren. Frauen erledigen die Hausarbeit und bestellen auch die Felder.

Damit müssen sie aber die größten Lasten tragen.
Die Frauen sind körperlich sehr fit. Die Arbeit ist nicht schwer, weil sie gemeinsam und selbstbestimmt erledigt wird. Entscheidungen werden im Konsens getroffen. Das Leben ist nicht aufgespalten in Arbeit, Freizeit und Sozialkontakte wie bei uns. Man sieht sie singend bei der Feldarbeit, es wird nie eine Schuldige angeprangert, wenn etwas schiefgeht. Bei uns lasten oft alle Aufgaben auf einer einzigen Frau. Das ist ein enormer Druck.

Wo kommt das Einkommen her?
Die Mosuo sind ziemlich autark und gut beschützt vor äußeren Einflüssen. Sie leben vom Fischfang und haben fruchtbares Land. Es gibt zwar Handys und Fernseher, aber es herrscht eine vorindustrielle Wirtschaftsweise.

Und wie sieht es mit der romantischen Liebe aus?
Die stärkste Bindung, die lebenslang hält, besteht zur Familie. Damit haben sie eine Zweierbeziehung nicht so nötig. Menschen verlieben sich schon, leben aber nicht zusammen. Die Frau lädt einen Mann ein, er bleibt über Nacht und kehrt am nächsten Tag zum Hof seiner Mutter zurück. Solche Beziehungen wechseln häufiger, können nur eine Nacht, ein paar Wochen oder Jahre dauern, aber sie sind nicht wichtig. Sex muss nicht als Ersatz für Zärtlichkeit und Berührung herhalten, denn die haben die Frauen in ihrem Familienverband immer.

Haben Sie keine Liebesdramen erlebt?
Nein, das Glück hängt ja nicht von einem einzigen Menschen ab. Wenn sich eine Frau mal zu sehr nach einem Mann sehnt oder traurig ist, weil er nicht mehr kommt, wird sie von der Familie aufgefangen. Es gibt auch keine Eifersucht. Bei uns basiert die Familie auf der erotischen Paarbeziehung. Bei den Mosuo passiert Sexualität außerhalb der Familie, deswegen kommt auch kein Missbrauch vor.

Väter existieren nicht?
Kinder kennen nur den Mutterbruder, der sich mit um sie kümmert. Der Mann als Liebhaber zeugt zwar das Kind, aber er hat keine unmittelbare Bindung zu ihm und keinen Erzeugerstolz.

Chinesische Männer, die von außerhalb kommen, glauben, dass sie bei den Mosuo leicht unverbindlichen Sex haben können. Wird die Kultur durch diese Sextouristen gefährdet?
Im Internet und einschlägigen Zeitungen ist viel Falsches geschrieben worden, solche Männer, die trinken und grob sind, haben keinen Erfolg. Mosuo-Frauen sind sehr wählerisch und finden nicht die dominanten, abenteuerlustigen Typen attraktiv, sondern Männer, die charmant sind, sie unterstützen, gut aussehen und gute Sänger und Tänzer sind.

Und was machen Männer mit ihrem Testosteron?
Sie leben es mit Humor aus. Männer müssen ja ihre Kräfte messen, das machen sie auf spielerische Art, zum Beispiel bei Bootswettkämpfen. Auch wenn sie provoziert werden, reagieren sie nur verbal schlagfertig, sie haben es nicht nötig, einen Kampf anzufangen.

Sie haben Matriarchate in vielen Teilen der Welt aufgespürt. Was glauben Sie, warum gibt es nur so wenige?
Ich denke, dass alle urzeitlichen Gesellschaften matriarchalisch organisiert waren. Die Dominanz der Männer ist nicht entwicklungsgeschichtlich angelegt. Es gibt die These von einer Naturkatastrophe, die einen großen Ressourcenmangel verursachte. Um zu überleben, haben sich Horden gebildet, die friedliche Stämme überfallen und beraubt haben. So hat sich das auf Gewalt basierende Prinzip durchgesetzt. Heute ist der Mangel programmiert, zum einen materiell, weil einige wenige alles horten. Zum anderen emotional, durch die vielen Termine und den Druck, den Mütter erleben und auf die Kinder übertragen. Wir geben ihnen Konsumgüter zum Abspeisen, statt sie zu umfangen.

Es gibt auch Naturvölker, die im Einklang mit der Natur und ohne Besitzanhäufung leben, die keine Matriarchate sind. Hängt diese ganzheitliche Lebensweise nicht stärker von den Produktionsbedingungen als von den Geschlechterverhältnissen ab?
Nein, in patriarchalischen Strukturen herrscht immer auch eine gewisse Strenge und Unterdrückung, bedingt durch männliche Dominanz.

Haben Sie die als Kind auch erlebt oder wie sind Sie aufgewachsen?
Mein Vater war ein klassischer Nachkriegsmann, wir hatten Angst vor seinem Jähzorn. Meine Mutter war eine sinnesfreudige Frau, sie hat nicht zu viel eingegriffen und mir vertraut. Sie wollte, dass ich wie sie Lehrerin werde, was Sicheres mache. Ich habe Soziologie und Pädagogik studiert, auch das zweite Staatsexamen abgelegt. Danach habe ich mich aber lieber aufs Filmen konzentriert.

Seit den 70er Jahren haben Sie sich in Frankfurt für die Frauenbewegung engagiert. Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden?
Die Frauenbewegung ist ja noch lange nicht am Ende, sie ist weltweit die größte soziale Bewegung überhaupt. Im Sinne des Gleichheitsfeminismus hat sie viel erreicht. Frauen haben Zugang zu fast allen Institutionen, sie sind präsent, das ist schon mal gut. Aber wir wollen ja die Institutionen nicht lassen wie sie sind, so entfremdet, unterdrückerisch und hierarchisch. Sie müssen weiblicher werden.

Beim Thema Emanzipation geht es derzeit hauptsächlich um Chancen in Führungspositionen, Quoten und bessere Kinderbetreuung. Was halten Sie von solchen Forderungen?
Frauen müssten eigentlich mit mehr als 50 Prozent in allen Schlüsselpositionen sein, sie vertreten ja auch die Kinder. Aber wenn die Strukturen bleiben, haben wir gar nichts gewonnen, dann wird sich nichts ändern, die Ausbeutung der Erde wird weitergehen. Ich bin auch nicht dafür, dass wir Kinder bekommen und sie dann den ganzen Tag in Krippen strecken. Kinderbetreuung muss zu Hause geschehen, allerdings in einem Kollektiv, damit sich immer jemand kümmern kann. Eine einzige Frau wird nie genug geben können. Das habe ich von den Mosuo gelernt.

Eine vorindustrielle Kultur kann doch kein Modell für unsere Gesellschaft sein.
Warum nicht? Grund und Boden gehören in Mütterhand, das Männliche muss zurückgehalten werden. Da müssen wir uns was ausdenken.

Was meinen Sie damit?
Ich spreche von fehlgeleiteter zerstörerischer Männlichkeit, die Krieg verursacht, Aggressionen, Missbrauch, Sexismus, übertriebenen Wettbewerb mit allen negativen Folgen der Wachstumsgesellschaft. Für die Ausgebrannten werden immer mehr Heiler gebraucht, und so geht das immer weiter. Frauen müssen den Männern auf die Finger schauen und sie zu Hause einsperren, wenn sie Krieg machen wollen, das hat schon Erich Kästner vorgeschlagen.

Im Moment führen bei uns Frauen, eine Bundeskanzlerin und eine Verteidigungsministerin, Krieg in Syrien. Wie erklären Sie das?
Sie haben das mütterliche Prinzip auf ihrem Weg nach oben aufgegeben und die männlich-patriarchalen Strukturen verinnerlicht. Solche Frauen meine ich nicht. Ich kenne kein Matriarchat, das jemals einen Krieg angefangen hat.

Sie betreiben Studien, ein Archiv und eine Vernetzung der noch existierenden Matriarchate. Wie viele haben Sie erfasst?
Weltweit sind es etwa 200, acht davon habe ich besucht. Der Wunsch, mehr über solche Kulturen zu erfahren, wird bei uns immer größer. Als ich vor zwanzig Jahren anfing, Filme über Matriarchate zu machen, hatten Männer Angst und glaubten, wir wollen das Patriarchat umkehren. Oder sie machten sich lustig. Wenn ich damals Fernsehredakteuren das Thema anbot, haben sie abgewinkt mit der Bemerkung: „Das hab‘ ich doch schon zu Hause“.

Inzwischen werden Sie ernst genommen. Für ihr Lebenswerk haben Sie den Elisabeth-Selbert-Preis des Landes Hessen bekommen. Werten Sie das auch als gutes Zeichen für das Matriarchat?
Ja, die Abwehr ist weg. Männer sind aufgeschlossener, weil die Krisen des Systems immer offensichtlicher werden und viele nach Alternativen suchen. Es gibt immer mehr Initiativen in dieser Richtung, ob Urban Gardening, Wohnprojekte, Tauschringe oder Ökodörfer. Das ist gut, wir sollten uns nicht mit Forderungen an die Politik aufhalten, sondern diese Dinge einfach machen. Das geht nur in Gruppen und wir brauchen dazu keine Ideologie.

Sie haben lange mit einem Mann gelebt und gearbeitet, die Beziehung hielt nicht. Wie sieht heute Ihr privates Matriarchat aus?
Die Frauen meiner Familie leben zusammen in unserem gemeinsamen Haus am Stadtrand, meine Schwester, meine Nichte mit ihrer Tochter, die wir gemeinsam groß gezogen haben, und bis zu ihrem Tod auch meine Mutter. Die Frauen halten das Haus zusammen. Das funktioniert seit 13 Jahren sehr gut. Ich bin die kleine Mutter, so heißt die Tante bei den Mosuo.

Die klassische Familie, Mutter, Vater, Kind, geht oft in die Brüche. Es gibt immer mehr alleinerziehende Mütter mit Söhnen, die nicht von zu Hause ausziehen wollen. Sehen Sie das auch als Schritt in Richtung Matriarchat?
Na ja, Muttersöhne sind im Matriarchat keine verwöhnten, bedienten Prinzen, sondern Jungen, die ihrer Mutter aus Liebe sehr viel helfen. Nur eine Mutter mit einem Sohn als Kleinfamilie finde ich viel zu wenig, da kann das Kind kein soziales Verhalten lernen. Es ist auch nicht gesund, dass sich der mütterliche Trieb des Verwöhnens und Umsorgens voll auf ein Kind konzentriert.

Ihre nächste Reise führt sie zu Dreharbeiten in ein Matriarchat in Westsumatra in Indonesien, zu den Minangkabau, die Muslime sind. Wie passt das zusammen?
Dieses Volk ist dafür berühmt, dass es eine Balance halten und den Islam in die Schranken weisen kann. Der Islam musste sich ihrem Mutterrecht fügen. Das ist ein Bravourstück, das zeigt, was möglich ist, wenn die matriarchale Kraft stark genug ist. Frauen verfügen dort über Grund und Boden, halten Wirtschaft und Bildung in den Händen. Wenn sie heiraten, kommt der Mann ins Mutterhaus, das heißt die Frau behält den Schutz ihres Clans. Die Minangkabau erfüllen damit alle Kriterien eines Matriarchats und sie sind eine große Gruppe von fast sieben Millionen Menschen, die auch in Städten leben.

Der Islam unter weiblicher Kontrolle, das klingt nach einem neuen spannenden Film.
Ja, ich hoffe sehr, dass sich diese matriarchalen Traditionen trotz Erstarken des Islams halten können.

Interview: Regine Seipel

Quelle: http://www.fr.de/frankfurt/filmemacherin-muetterliches-prinzip-ist-besser-a-383939

Auszeichnungen

1982 Gold beim Internationalen Kinderfilmfestival in Giffoni Valle Piana für Kleiner Mann was tun.

1976 Prix Jeunesse International für Jacob

1977 Grimme-Preis für Fernsehzeit

2002 Tony-Sender-Preis der Stadt Frankfurt am Main

2015 Elisabeth-Selbert-Preis des Landes Hessen