Die Filmemacherin Uschi Madeisky

  • Fotos aus dem Leben
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Ursula MADEISKY
Genannt: USCHI / USCHA / MOENNA

Wie es wohl kommt, dass eine Frau so viele Namen hat? Dann kennen sie wohl viele unterschiedliche  Menschen, und sie kennt sie, und wer sie kennt, weiß, dass sie in vielen Angelegenheiten viel unterwegs ist und viele Anliegen hat. Ihre verschiedenen Namen bedeuten alle das gleiche.

„Ursula“ heißt: „Kleine Bärin“. „Arktoi“ (kleine Bärinnen) wurden die jungen Mädchen genannt, die im Heiligtum der griechischen Göttin Artemis erzogen wurden. Und nun haben wir Uscha in der Traumzeit geortet, dort, wo sie spirituell herkommt. Die Göttin Artemis könnte ihre Ahnin sein, deren Begleiterin die Bärin ist, die Göttin der Jagd, des Waldes, die Geburtshelferin (die Löserin) und die Hüterin der Frauen und Kinder. Eine Hüterin der Frauen und Kinder ist auch Uscha. Und ganz sicher hat sie einen Köcher voller Pfeile, die sie gezielt abschießt und die ins Schwarze treffen. Aber sie verletzen nie. Sie bringt mit ihrer Klugheit und Beweglichkeit die Dinge auf den Punkt. Und in der Jetztzeit finden wir sie immer im Zentrum dessen, wo etwas Wichtiges geschieht, dort, wo sie gebraucht wird:

Schon als Schülerin setzte sie sich für die Rechte der Frauen ein und engagierte sich in der Frauenbewegung. Es wird erzählt, dass die Lehrerin  ihres Gymnasium sie und ihre Freundinnen vom Schildkrötenklan, wie die Mädchen sich als verschworene Gemeinschaft nannten, einschloss, damit sie nicht heimlich ausbüchsten um an Demonstrationen teilzunehmen. Kaum war die Lehrerin fort, flüchteten die Mädchen durchs Fenster und pfeilschnell waren sie auf der Demo. Später, als sie schon studierte, organisierte sie Fahrten nach Holland gegen Abtreibungsverbot mit und beteiligte sich an Straßen-Umbenennungs-Aktionen gegen das bewusste Vergessen von bedeutenden Frauen. Sie begann, Filme zu drehen. Einer ihrer ersten, an dem sie maßgeblich beteiligt war, ist eine Dokumentation zur frühen Frauenbewegung: ‚Die Wahrheit über Vera Eschkowa’. Für die Mädchenseite der Zeitschrift ‚Emma’ zeichnete sie Comic Strips: kleine, subversive Geschichten, die jungen Mädchen Mut zum Widerstand machen sollten.

Es folgten Jahre als Filmemacherin im Mainstream, den sie immer mit ihrem speziellen Blick auf die Themen Kinder, Jugend und Erziehung nicht in seinem drögen Fahrwasser ungestört ließ. Immer gab sie Anregungen für ein anderes und weitgefassteres Denken. Später kamen Spielfilme und Dokumentarfilme über ganzheitliche Ansätze in der Medizin und zu kulturellen Themen hinzu. Einige  Filme gewannen Prädikate und Preise. Sie arbeitete weiter politisch in und für Frauengruppen, gehörte u. a. zu den Gründungsmitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Frauen in Kunst und Kultur, der Stiftung maecenia für Frauen in Wissenschaft und Kunst und dem Film- und Kinobüro Hessen. Zielsicher schickte sie ihre Pfeile ab: Verblüffend war immer zu beobachten, wie sie in Gesprächsrunden mit Politikern, selbst wenn es laut und turbulent wurde, sich mit leiser Stimme Gehör verschaffen konnte. Alle hörten ihr zu, wenn sie etwas sagte – es war so unschlagbar treffend.

Der entscheidende Impuls zu einer neu-Orientierung kam Anfang der Neunziger Jahre auf einer Reise nach Çatal Hüyük, die Christa Mulack leitete: Uscha entdeckte dort das Matriarchat für sich. Diese Gesellschaftsform der Balance faszinierte sie. Dafür, sagte sie sich, habe ich Filmemachen gelernt, das und davon will ich erzählen! Sie reiste in die noch existierenden Matriarchate, z. B. nach Nordost-Indien, und ihre in den Folgejahren entstandenen Filme wurden mehrfach im Fernsehen gezeigt. Sie sind nicht alt geworden, gelten weiterhin als grundlegend und werden auch von Uscha bei speziellen Gelegenheiten vorgeführt. In den nachfolgenden Diskussionen vermittelt sie darüberhinaus noch Wissen über die matriarchale Gesellschaftsordnung und räumt mit falschen Vorstellungen auf.

2002 erhielt sie den Tony-Sender-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Die Laudatio hielt Christa Mulack. Diejenigen, die bei der Feier in der ehrwürdigen Paulskirche dabei waren, erinnern sich noch, wie Uscha vergnügt oben auf dem Podium stand und eine Rede hielt, bei der sich das Publikum vor Lachen bog. Sie bezeichnete Frankfurt als Frau und kehrte klassische Männer-Lobes-Sprüche um – einige Pfeile flogen präzise dahin, wo sie hingehörten. Die Rede war ein großer Performance-Erfolg. Den Scheck mit der Preissumme steckte sie nachlässig in die hintere Tasche ihrer Jeans, wo sie ihn Stunden später total zerknittert wieder hervorzog. Die Bank muss ihn trotz seines ramponierten Aussehens eingelöst haben. Uscha wollte das Geld für ihr Studium an der ALMA MATER Akademie verwenden – was sie auch tat. Mit einigem Erfolg, denn heute unterrichtet sie dort selbst.

Seit den Anfängen der Modernen Matriarchatsforschung hat sich viel getan. Zunächst missverstanden, abqualifiziert und ausgegrenzt, hat sich Dank der Beharrlichkeit und Unbeirrbarkeit der großen Protagonistinnen (denen an anderer Stelle bei besonderer Gelegenheit die Ehre gegeben werden wird) mittlerweile eine Bewegung gebildet. Die Kongresse in Luxemburg, in Texas, in Karlsruhe und zuletzt im Mai 2010 auf dem Hambacher Schloss, haben Hunderte von Frauen und etwas weniger Männer angezogen. Auf ihnen vermittelte sich ein Gefühl  der Zusammengehörigkeit  und die Frauen gingen von dort mit neuem Mut nach Hause um weiter an der großen Aufgabe zu arbeiten, die nichts weniger zum Ziel hat, als die Gesellschaft zu verändern um ein besseres Leben im Einklang mit der Natur und in Balance der Geschlechter zu ermöglichen. Uscha hat an der Entwicklung dieser Bewegung erheblichen Anteil.

Zu ihrem Geburtstag in den letzten Tagen des 10. Jahres im Jahrtausend der Frau, schickten viele Frauen Grußbotschaften, Briefe, Fotos und – als etwas ganz besonderes – Filmclips, in denen sie sie feierten. Uscha hat diese Geschenke mit großer Rührung und Dankbarkeit angenommen. Was in den Beiträgen deutlich wurde, ist, wie sehr sie anerkannt ist als große Netzwerkerin, als eine, die die Dinge vorwärts- und zusammenbringt, als eine, die ausgleicht und vor allem: was für eine wichtige Freundin sie ist. Die Zuneigung, die ihr entgegengebracht wird, erwidert sie mit Gefühl, Sinn und Verstand.

Uscha, mit Deinem Geburtstag ist das erste Jahrzehnt im Jahrtausend der Frau zu Ende gegangen und das nächste hat angefangen. Wir wünschen Dir weiterhin so viel Mut und Kraft und Klugheit, wie Du bisher bewiesen hast und sind gespannt auf Deine neuen Ideen und Pläne. Wir wissen: in Deinem Köcher sind noch ganz viele Pfeile!

Jutta Maurer Kaußen